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  Aufstieg zur Alpe Ribia

Wer sich in die Berge rund um das Ossolatal begibt, den erwartet eine grundlegend andere Landschaft, als er sie eventuell von den Nordalpen gewohnt ist.

 

Mitten in Westeuropa tut sich eine ungeheure Wildnis auf (der Val Grande Nationalpark ist sogar ganz offiziell die größte Val Biordo im Val Grande NationalparkWildnis Italiens), in die sich kaum ein Wanderer verirrt. Und die, die es dennoch wagen, verirren sich nicht selten im wahrsten Sinne des Wortes...

 

Ohne gute Ortskenntnis bleiben einem nur die spärlich vorhandenen markierten Wanderwege. Abseits davon regiert die raue Natur. Abenteurer, die sich dort hinein begeben, haben mit zahlreichen Problemen zu kämpfen: es gibt keine guten Karten, die Berge sind steiler und schroffer als anderswo, das feucht-heiße Klima führt zu raschen Veränderungen in der Landschaft, und eine Wegpflege findet quasi nicht statt.

 

So verfallen die einst zahlreichen Älplerpfade nach und nach und geraten in völlige Vergessenheit. Oft sind nur noch Rudimente von Steintreppen, Mäuerchen und Stegen vorhanden, der Rest wird durch dichte Vegetation verdeckt oder von durch Erosion vernichtet.

 

Hinzu kommen die enormen Höhenunterschiede zwischen Graten und Tälern. Das Val d´Ossola liegt auf gerade einmal 200 Metern über dem Meer – so werden auch Gipfel, die die 2000 Meter kaum erreichen, zu einer echten Herausforderung.

Bivacco Hinderbalmo

Und dann die Hütten! Vergessen Sie die großen, bewarteten Unterkunftshäuser der Nordalpen! Die meisten Lager der Region bieten nur wenige, spartanische (Stroh-)Lager, und am Abend ist man nicht selten damit beschäftigt, Holz für den kleinen Ofen zu sammeln, um das Gemäuer etwas zu erwärmen und kochen zu können.

 

Die Besucherzahlen sind, trotz wachsender Bekannt- und Beliebtheit des Gebiets, sehr überschaubar. Außerhalb der Sommerwochenenden trifft man nur selten Wanderer. Da jedoch fast nirgends vorreserviert werden kann, muss man auch immer damit rechnen, in den winzigen Unterkünften doch keinen freien Platz mehr zu ergattern. Dann ist Improvisieren angesagt!

 

Kurz gesagt: optimale Voraussetzungen für ein Abenteuer der besonderen Art!

 

 

Klima

Rund um den Lago Maggiore herrscht gemäßigt mediterranes Klima mit feuchten, heißen Sommern und trockenen, milden Wintern.

Blick auf Vald und den Pizzo dei Diosi

Die grundsätzlich schönste Wanderzeit ist mit Sicherheit der Herbst, der von September bis in den Dezember hinein dauert und meist von stabilen Hochdruckgebieten mit klarstem Himmel und der entsprechenden Fernsicht geprägt ist.

Den berühmten "Indian Summer" erlebt man meist erst recht spät, Ende Oktober und Anfang November verfärben sich Buchen, Birken und Lärchen in sämtliche Gelb-, Gold- und Rottöne. Eine echte Empfehlung!

Tipps Alta Val Grande: NorddurchschreitungDiosi-Umrundung

Pizzo Pernice über dem tiefblauen Lago Maggiore

 

Schnee fällt nur selten vor Mitte Dezember. Dann und im Januar und Februar kann es aber schon vorkommen, dass Frau Holle auch in den Tälern vorbeischaut und diese für kurze Zeit bezuckert.

Im Winter liegt unterhalb von 1000 Metern jedoch fast nie Schnee, und da die Vegetation ruht, kann man auch auf Waldwegen schöne Ausblicke unter warmer Sonne geniessen. Man kann hier tatsächlich 12 Monate im Jahr wandern - zum Beispiel im Bassa Val Grande! Und wer es lieber weiß mag, für den steht eine große Auswahl an Schneeschuhtouren in den schneesicheren Gebieten zur Verfügung.

Tipp Bassa Val Grande: Le Tre VelinePra d'Gatt

Tipps Schneeschuhtour: Cima di MalescoWinterbiwak Pluni

 

Ab Mitte März bricht der Frühling durch, die Südseiten der Berge tauen rasch ab, so dass bereits jetzt Gipfelbesteigungen möglich sind, solange man die Frühlingsstimmung in Italiennoch tief verschneiten Nordflanken meidet.

Der größte Unterschied zwischen Süd- und Nordseite herrscht im April - in den Tälern hat es dann bereits oft über 20 Grad, die Schattenseiten bleiben jedoch noch gefroren.

Tipp: Bassa Val Grande

 

Im Mai wird es sommerlich, der Schnee zieht sich rasch zurück und gibt viele Tourenmöglichkeiten frei. Es kann aber auch ein bisschen nass werden, Mai und Juni sind die niederschlagreichsten Monate. Aber mit ein bisschen Glück erlebt man das frische Buchengrün unter einem blauen Himmel!

Tipps: Alta CannobinaVal Marona und natürlich die Norddurchschreitung

Cima Capezzone im Monte-Rosa-Gebiet


Der Hochsommer ist geprägt von schwülwarmer Luft, in den Tälern brüten manchmal bis zu 40 Grad. Doch die endlosen Wälder und azurblauen Bergbäche bieten ausreichend Abkühlung, so dass man auch im Val Grande gut unterwegs sein kann. Mit Gewittern muss gerechnet werden - in einer gemütlichen Hütte weniger eine Gefahr als viel mehr ein faszinierendes Erlebnis!

Ich empfehle nun sämtliche Touren im Oberen Val Grande und vor allem auch die unbekannte, wilde Region rund um den Monte Rosa kennen zu lernen.

Tipp: unendliche Stille und herrliche Panoramen im Val Anzasca. 

 

Einen guten, aktuellen Wetterbericht liefert der Schweizer Wetterdienst (es gilt die Prognose für die Südschweiz und hier das Tessin) - dieser ist 1:1 auf das Val d'Ossola und Umgebung übertragbar.

Noch exakter scheint 3bmeteo.com zu arbeiten, insbesondere für die nächsten beiden Tage. Ich fälle meine Tourentscheidungen letztlich immer nach dieser Prognose.

 

Wetterbesonderheit Föhn

Jeder wird den berühmt-berüchtigten Föhnwind der Nordalpen kennen, der München zur Alpenstadt werden lässt und für allerklarsten Himmel, jedoch auch nicht selten für Kopfschmerzen sorgt.

 

(Süd-)Föhn auf der Nordseite der Alpen entsteht, wenn ein atlantisches Tiefdrucksystem so weit nach Süden vordringt, dass es über das Mittelmeer und Norditalien wandert ("Genuatief"), bis es an die Alpen stößt und von dieser natürlichen Barriere aufgehalten wird. Dann sorgt ein starker Fallwind für warme Temperaturen und klaren Himmel im Norden. Meist hält dieser Zustand allerdings nur wenige Stunden bis höchsten ein paar Tage an, ehe das Tief die Alpen überwunden hat und auch im Norden abregnet.

 

Im Süden entsteht dagegen (Nord-)Föhn, wenn sich ein Tief auf der Nordseite der Alpen staut, was auch nicht gerade selten der Fall ist... Ein starker, meist kühler Sturm sorgt dann für wolkenlosen Himmel und perfekte Fernsicht bis zum Apennin. Im Gegensatz zum Südföhn bricht dieser aber nicht zusammen, sondern kann etliche Tage lang anhalten und wird erst entweder durch eine Abschwächung des Tiefs oder durch eine Veränderung der Luftströmungen abgelöst. Es muss also keineswegs schlechtes Wetter folgen.

 

Föhn ist eine für die Region übliche Wettersituation, die das ganze Jahr über regelmäßig auftreten kann - sie bietet natürlich die vorzüglichsten Wanderbedingungen.

 

Schöne Webcams, die unter anderem Aufschluß über die aktuelle Schneelage geben, gibt es hier.

 

 

Geschichte

Insbesondere das Val Grande wartet mir zahlreichen Sehenswürdigkeiten aus der Historie auf. Man mag es kaum für möglich halten, doch in den (heute) unzugänglichen Schluchten des Nationalparks pulsierte einst das Leben. Zahlreiche Ruinen zeugen von der in großem Stil betriebenen Almwirtschaft - tausende Kühe, Ziegen, Schafe und auch Schweine und Hühner wurden alljährlich in den Kessel des oberen Val Grande getrieben, gefolgt von den Hirten mit Kind und Kegel. Einst gab es hier sogar einen kleinen Gemischtwarenhandel.

 

Auch Brenn- und Bauholz wurde in großem Maßstab geschlagen und mittels gigantischer Seilbahnen herausgeschafft. Erst 1954 wurden die Rodungen eingestellt - schlicht und ergreifend, weil es kein Holz mehr gab... Der heute so dichte Buchenwald, der die Dimensionen eines Urwaldes erreicht, existiert also erst seit etwa sechzig Jahren.

 

Dazu haben sich einige bedeutende Kriegsereignisse zugetragen. 

Vor und noch während des Ersten Weltkriegs wurde entlang der italienischen Nordgrenze die sogenannte "Linea Cadorna" erbaut, benannt nach General Cadorna, der dieses Projekt ins Leben gerufen hat. Aus Angst, deutsche Truppen könnten die Schweiz überrollen und dann in Norditalien einfallen, wurde ein schier endloser Schützengraben im gebirgigen Hinterland errichtet, mit Kommandoposten, Artilleriepositionen, Versorgungsstollen und Lagerstätten. Zum Einsatz kam die Anlage nie, sie wurde nach Ende des Krieges aufgegeben.

Heute kann man im Süden des Nationalparks noch zahlreiche Monumente dieser gewaltigen Festungsanlage betrachten. Insbesondere die Panoramarunde Monte Zeda eignet sich dafür:

Einen kleinen Film über die Linea Cadorna kann man sich hier ansehen (italienisch).

 

Fast noch beeindruckender, zwar weniger monumental, doch dafür wesentlich tragischer ist die Geschichte der "Resistenza" aus dem Zweiten Weltkrieg.

Im Frühsommer 1944 leisteten italienische Partisanen erbitterten Widerstand gegen die deutsche Besatzung. Wenig später wurde sogar die "Partisanenrepublik Ossola" ausgerufen, um sich dem Einfluss der fremden Machthaber zu entziehen. Diese entsandte Truppen der SS Milano in das Gebiet, welche die Aufständischen erbarmungslos jagten und niedermetzelten. Es kamen fast 10´000 deutsche und faschistische Soldaten zum Einsatz.

Viele der Verfolgten suchten Zuflucht in den unwegsamen Schluchten des Val Grande und bei den dort damals noch ansässigen Bauern, die dafür ebenfalls oft mit dem Leben bezahlen mussten.

Im und um den Nationalpark zeugen heute zahlreiche Gedenktafeln von den Verfolgungen durch die Nazis, bei denen hunderte Patrioten ihr Leben verloren. Kaum vorstellbar, mit welch brutaler Gewalt die teilweise unbewaffneten Männer noch in den verstecktesten Winkeln des Val Grande aufgespürt und erschossen wurden.

 

Auf beinahe sämtlichen Touren im Nationalpark finden sich Spuren dieser Ereignisse, die ich gerne näher erläutere. 

 

 Farn

 

Flora

 

Das subtropische Klima prägt natürlich auch die Pflanzenwelt der Region. Feuerlilie bei ColloroPrinzipiell kann man aufgrund der tiefgelegenen Täler und der sie umgebenden hohen Gipfel innerhalb eines Tages praktisch sämtliche Vegetationszonen der Erde durchwandern...

 

In den Tälern herrschen mediterrane Pflanzen vor, das ganze Jahr über wachsen Palmen und exotische Blumen im Freien. Es schließt sich bis circa 900m ein Gürtel aus dichtem EsskastanienKastanienwald an, der in Buchen- und Birkenwald übergeht. Nadelwald beginnt bei etwa 1400m, meist aus Lärchen bestehend (im Spätherbst erscheinen daher die Berge in goldenem Glanz!). Die Baumgrenze wird bei 1600m erreicht, wobei es große Unterschiede zwischen Nord- und Südflanken gibt. Auf den schattigen Nordseiten wird die Landschaft bis auf über 2000m von oft undurchdringlichem Krummholz wie Latschen und Erlen sowie dichten Farnwäldern geprägt, die Südseiten sind meist schon ab 1500m baum- und buschlos. Gras, kleinere Pflanzen und prachtvolle Blumen existieren bis ungefähr 2500m, darüber gibt es nur noch Fels und Geröll mit Moosen und Flechten. Ewiges Eis findet man nur in den hochalpinen Regionen rund um den Monte Rosa auf über 3000m.Himbeeren im Val Prebusa

 

Die Fauna unterscheidet sich grundlegend von der der Nordalpen - die typischste aller Alpenblumen, das Edelweiß, wird man nur in den seltensten Fällen vorfinden. Stattdessen kann man prachtvolle Feuerlilien, Fingerhut, Ginster, süß duftenden Seidelbast und riesige Alpenrosenfelder erleben. Schmackhafte Heidel-, Him- und Brombeeren versüßen den Aufstieg ab August. Die Kastanienwälder bestehen aus Maroni, also Esskastanien.

 

Berühmt ist die Region auch für ihren Pilzreichtum. Im Herbst findet man vor allem den König der Pilze, den Steinpilz, in rauen Mengen. Aber auch Parasol, Marone, Pfifferling und sogar der seltene Kaiserling kommen vermehrt vor.

 

 

Steinböcke am AntronapassFauna

 

Hier muss eindeutig zwischen den Bergen rund um den Lago Maggiore und dem Monte-Rosa-Gebiet unterschieden werden. In letzterem sind sämtliche auch im Norden bekannte Tierarten heimisch: Murmeltier, Gämse, Steinbock, Adler, Dohle.

 

In tieferen und damit wärmeren Regionen tummeln sich viele Eidechsen und Salamander, auch die bunt schillernde Smaragdechse ist hier zuhause. Bei MauereidechseFeuchtigkeit zeigt sich der schwach giftige Feuersalamander. Die Steinmäuerchen bieten Unterschlupf für kleine Skorpione, die dem Menschen jedoch ebenfalls nicht gefährlich werden können.

 

Etwas höher trifft man hier und da auf Schwarz- und Rotwild, auch Füchse sind immer wieder zu sehen. Gämsen tummeln sich überall in steilem Gebiet jeder Höhenlage und sind am häufigsten anzutreffenden Wildtiere.

 

Nach warmen Wintern kann es zu einer regelrechten Mäuseplage kommen. Erst oberhalb der Vegetationsgrenze ist dann der Proviant vor den kleinen Nagern sicher. Vor allem in den Unterkunftshütten tummeln sich die Tierchen, zusammen mit Siebenschläfern - Rucksäcke und Nahrungsmittel gehören daher immer an einen Nagel gehängt!

 

Leider wird die Zeckenplage von Jahr zu Jahr schlimmer. Die unliebsamen Tierchen saugen sich hauptsächlich von April bis Juni an Wanderern fest. Die gute Nachricht: FSME, also die gefährliche Hirnhautentzündung, wird von ihnen hier nicht übertragen! Bleibt das Borreliose-Risiko, eine Krankheit, die zwar selten, jedoch nicht zu unterschätzen ist. Da die Zecken aber sehr wahrscheinlich erst 12 bis 24 Stunden nach ihrem Biss infektiös werden, sollte man sich einfach am Abend gründlich absuchen, um die Schmarotzer rechtzeitig zu entfernen.

 

Schlangen

Die Gegend, insbesondere das Val Grande, ist äußerst schlangenreich - zahlreiche Vipern (ausschließlich Aspisvipern, Kreuzottern wurden bis dato im Val Grande noch nicht beobachtet) haben auf den sonnigen Grashängen ihr Zuhause gefunden. Doch so ernst man eine Gefahr durch Schlangenbisse auch nehmen sollte, eine akute Bedrohung allein durch den Aufenthalt in diesen Gebieten ist nicht gegeben.

 

Schlangen sind sehr scheue Tiere, die äußerst empfindlich auf Bodenerschütterungen reagieren. Da man als Wanderer mit festem Schuhwerk nicht gerade durch die Berge "schleicht", sind die meisten Schlangen schon längst in der nächste Felsritze verschwunden, bevor man überhaupt in deren Nähe kommt. Und mit hochgeschlossenen Schuhen würde man selbst eine direkte Konfrontation ohne Schaden überstehen, ein Biss endet dann folgenlos im festen Lederschuhwerk (was mir allerdings in all der Zeit noch nie passiert ist).

 

Das heisst: beim normalen Wandern braucht man sich keine Sorgen zu machen. Im Val Grande ist es zwar sehr wahrscheinlich, die eine oder andere Viper zu Gesicht zu bekommen, doch mit dem entsprechenden Respekt und Abstand ist das viel mehr ein faszinierendes Naturerlebnis als eine Gefahr für Leib und Leben.

Bei einer Rast kann es jedoch nicht schaden, sich die Grasbüschel ein bisschen genauer anzusehen, und auch beim Wasserfassen an einer kleinen Quelle oder beim Baden in einer Gumpe stets die Augen offen halten!

Kein Flash
Herbstimpressionen